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STRINGS īNī KEYS 1995
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Viel Spass auf meiner Homepage!

Warum ich Frau Dr. Merkel auf keinen Fall mehr wählen werde: Wir schaffen das.

Den Herbst/Winter hindurch veröffentliche ich hier jeden Mittwoch fortlaufend mein Buch
"Kunst oder Kekse". Hier ist der Text schwarz auf weiss [80 KB] . Seite 135 bis 152:



1995 – 1998: „Strings ’N’ Keys“ – Saiten & Tasten – Sebastian & Klaus
„Für das nächste Lied braucht man einen feinfühligen Gitarristen. Ich habe mich trotzdem für Sebastian entschieden.“ Sebastians Lieblingsansage von mir bei Strings ’N’ Keys.
Wie bei unserem Kennenlernen 14 Jahre zuvor (1981), war mir Sebastian als Mucker am Anfang wieder voraus. Er hatte die letzten zehn Jahre Auftritte von Tanzmusik bis Rockmusik absolviert und war das Touren am Wochenende gewöhnt. Als er hörte, dass auch ich jetzt mit Musikmachen mein Geld verdienen wollte, beging er den großen Fehler, mit mir ein Duo zu gründen. Das lässt sich nur dadurch erklären, dass der Mensch kein Gedächtnis für Schmerzen hat. Er hatte sich in den sieben Jahren, die seit dem Ende von „Mask 4 Fun“ verstrichen waren, gut von mir erholt. Außerdem war ich, wie geschildert, bei unserem Aufnahmeprojekt 1992 auch ganz lieb gewesen! Zudem ist Sebastian ein guter Mensch und wollte verhindern, dass ich – schwermütig und schlecht gelaunt wie früher – in der Szene untergehen würde. Er meinte zu mir: „Du brauchst jemanden an deiner Seite, der ein bisschen lustig ist.“ Die Ernsthaftigkeit unserer musikalischen Mission umriss ich für ein Stadtmagazin mit den folgenden Worten:

„Strings ’N’ Keys sind Sebastian an den Saiten der Gitarre und Klaus hinterm Klavier. Dazu zweimal Gesang und die Antwort auf die Frage: Geht Musik auch ohne dumme Sprüche? Klaus Porath (als Einzeltäter unter dem Pseudonym „The Piano Man“ unterwegs) und Sebastian Budde (wer hat schon 32 Gitarren im Schrank?) präsentieren ihre Lieblingssongs der 60er bis 90er Jahre: „Jetzt kommt von „A Hard Day’s Night“ das dritte Lied auf der zweiten Seite.“ Kaum ein Musikclub von Husum bis Güstrow blieb von Klaus Gelaber verschont: „Auch das schönste Duo hat zwei Mitspieler, auch die schönste Wurst liegt irgendwann vergammelt im Kühlschrank, wenn man sie nicht rechtzeitig isst. Trotzdem (!) hatten die beiden 170 Auftritte in den letzten 972 Tagen, also ungefähr alle 137 Stunden einen. Der nächste ist am Samstag, den ...(und dann folgte ein neuer Termin).“

Meine durch den „Umweg über die Kirche“ neu gewonnene Offenheit dem Publikum gegenüber muss ihn angenehm überrascht haben. Jetzt waren wir beide „ein bisschen lustig“! Allerdings ist es mit Gitarristen und Pianisten so wie mit Frauen und Männern: Sie passen überhaupt nicht zusammen! Aber zu zweit ist es einfach wunderbar. Ihre Charaktere sind wie ihr Instrument: Für einen Pianisten (Mann) ist die Welt in Gut und Böse, in Schwarz und Weiß – wie seine Tasten – geordnet. Links sind die tiefen und rechts die hohen Töne. Fertig!

Gitarristen (Frauen) haben mehr kreativen Freiraum beim Beurteilen der Realität. Haben sie schon einmal erlebt, welch erstaunliche Dinge eine Frau anführt, wenn man sie auf eine einfache Tatsache hinweist? Gitarristen können ein- und denselben Ton auf mehreren Saiten spielen. Und immer klingt er ein bisschen anders! Mehr noch: Sie können ein oder sogar zwei Bünde tiefer greifen, die Saite hochziehen und BINGO, man schlittert sachte auf denselben Ton! Ich habe noch Sebastian im Ohr, wie er einmal genervt eine Diskussion beendete: „Du hast ja recht, aber ich muss doch nicht deinen Argumenten folgen!“

Wir waren wie ein altes Ehepaar. Bis auf die Tatsache, dass seine Gitarre immer zu laut war, harmonierten wir musikalisch prächtig. Außermusikalisch genügten schon die kleinsten Dinge, um Sebastian aus der Bahn zu werfen. Da war er leider gar nicht „ein bisschen lustig“. So regte er sich zum Beispiel darüber auf, dass ich vor unseren Auftritten intensiv die Speisekarte studierte, nur um dann angeblich IMMER das Bauernfrühstück zu nehmen! Hätte ich diese Unart abgestellt, hätte das wahrscheinlich die Lebensdauer von „Strings ’N’ Keys“ um ein halbes Jahr verlängert. Vieles von dem, was ich tat, fand er „rockmusikuntypisch“. Ich wusste nicht, was daran schlecht sein sollte. Denn sein Ausspruch: „Das ist der Rock ’n’ Roll!“ fiel immer dann, wenn „Murphy’s Law“ zugeschlagen hatte und wieder einmal irgendwas gründlich schief gegangen war. Vielleicht klappten bei mir einfach zu viele Dinge?!

Beim Thema Selbstzweifel verhält es sich bei Frauen & Männern und Gitarristen & Pianisten genau umgedreht. Natürlich beherrschen die wenigsten ihr Instrument perfekt. Hört ein Gitarrist jedoch jemanden spielen, der besser ist, sagt er: „Das ist nicht mein Stil“, und der Fall hat sich damit für ihn erledigt. Jeder Tastenmensch dagegen besitzt mindestens eine CD von Keith Jarret oder Joja Wendt. Er kennt seine Grenzen.

Sebastian lieh mir dankenswerterweise auch ab und an seine Anlage für meine Soloauftritte. Als ich ihm die eines Nachts wieder leise zurück in die Garage stellen wollte, fand ich den Schlüssel nicht. Obwohl er mir den Ablageort in der Dachrinne vorher genau beschrieben hatte. Also musste ich in meinem Übungsraum in Wakendorf übernachten. Aus lauter Frust über den nächtlichen Umweg leerte ich dort auf leeren Magen eine Flasche Wein. Mit der Folge, dass ich anschließend eine gute Weile damit verbrachte, in den leeren Raum zu dozieren. Alles, was einmal gesagt werden musste (u.a. wie man Schlüssel in Regenrinnen deponiert, so dass sie auch gefunden werden), kam an diesem Abend zur Sprache. Als dann die Flüssigkeit wieder aus meinem Körper rausdrängte, hätte ich den nächtlichen Sternenhimmel über Wakendorf mehr genossen, wenn er sich so still wie immer verhalten und nicht so fürchterlich gedreht hätte...

Überhaupt sind es neben unseren Meinungsverschiedenheiten die kleinen lustigen Momente, an die ich mich gerne erinnere: Bei einem Auftritt im Lübecker CVJM waren seine Eltern anwesend. Sebastian war deswegen ausnahmsweise nervös. Unglücklicherweise hatte sich – von ihm unbemerkt – eine Schlaufe seines Gitarrenkabels um seine Beine gewickelt. Als er mitten in einem Gitarrensolo souverän einen großen Schritt von der Bühne machen wollte, zog sich die Schlinge zu. Er fand es dann aber irgendwie nicht so witzig, als ich sein Gestrauchel sofort musikalisch in das Lied einbaute: „I once had a guitar player who fell off the stage in the CVJM.“ („Ich hatte einmal einen Gitarristen, der ist im CVJM von der Bühne gefallen.“)

Den allerersten improvisierten Text hatte ich in einer Musikkneipe in Hamburg-Finkenwerder von mir gegeben. Wir spielten „Tears In Heaven“, ein schönes Lied, das uns vom Inhalt nahe ging, aber das Publikum unterhielt sich angeregt weiter. Um die Aufmerksamkeit auf uns zu lenken, ersetzte ich die zweite Strophe durch die Worte, die in Kreide geschrieben auf einer Tafel über der Tür standen. Ich sang: „Leberkäse mit Spiegelei gibt’s mit Bratkartoffeln. Oder auch mit Brot, das macht weniger dick...“ Die Kalorieneinschätzung und ihre Auswirkung stand da nicht, die war von mir.

Wenn ich versuchte mit Sebastian, der viel mehr Live-Erfahrung hatte als ich, auf unseren langen Autofahrten musikalische Probleme zu klären, so hob sein „einfach machen!“ nicht gerade meine Laune. Zum Beispiel war mir die Leberkäse-Episode auf den Magen geschlagen: Wir hatten damit zwar die Aufmerksamkeit der Leute gewonnen und ein paar Lacher provoziert, wurden aber später für diese Pietätlosigkeit in der Pause zur Seite genommen. Wieder einmal galt das „Pars-pro-toto“-Prinzip: Sebastian trug für die Verschandlung des Textes keinerlei Verantwortung. Wahrscheinlich ließ er mich deshalb auf der Rückfahrt auch alleine über der Frage brodeln, ob das gut oder schlecht war und was man stattdessen tun sollte, wenn einen das Publikum ignoriert. Sebastian ist zwar auch „Akademiker“, weigert sich aber standhaft, beim Thema Musik durch Nachdenken zu Erkenntnissen zu gelangen, die uns helfen, unsere Sache besser zu machen. Einmal formulierte er seinen Unmut über meine Reflektionen mit dem grandiosen Satz: „Du fragst mich immer 1.000 Dinge, die mich in dem Moment überhaupt nicht interessieren.“ Dabei war er doch mein „musikalischer Papa“, der mir die Welt erklären sollte...

1996: „Wollt Ihr das wirklich?“ – Schlagkräftige Argumente.
Ein besonderes Erlebnis war unsere kleine „Nord-Tour“ mit Auftritten in Schleswig, Flensburg und Sonderburg, was in Dänemark liegt. Gut gelaunt fuhren wir Richtung Grenze. Natürlich hatte Sebastian seinen Ausweis vergessen. Beim Ausstellen eines Ersatzdokumentes fragte ihn der Grenzbeamte, ob man denn in Dänemark mit Musik Geld verdienen könne. Er hatte da offenbar Bedenken. Wir nicht. Denn Mikkel, der Kneipenwirt, war am Telefon die Liebenswürdigkeit in Person gewesen. Unseren Vertrag hatte er uns zwar trotz mehrmaliger Aufforderung nicht zurück gefaxt. Aber das lag nur daran, dass nie Zeit dafür gewesen war. In seiner Kneipe angekommen, erfuhren wir von dem Mann hinterm Tresen, dass Mikkel uns leider nicht mit seiner Anwesenheit beehren konnte, da er am Renovieren sei. Nun gut, was sollte schon schief gehen! Wir hatten zwar keinen Vertrag, waren aber erwartet worden. Wir freuten uns auf unseren ersten Gig im Ausland!

Schon beim Aufbau stellte sich aber heraus, dass die Stimmung irgendwie komisch war. Ein Zwischenfall mit rechtsextremem Hintergrund war kurz vorher durch die Presse gegangen. Das nahm ein etwa 16-jähriger Däne zum Anlass, uns zu beschimpfen. Er verkündete, es sei inzwischen wieder ganz schlimm mit den Nazis in Deutschland. Ich konterte, dass Sebastian und ich damit nichts zu tun hätten. Denn sonst wären wir wohl kaum ins schöne Dänemark gefahren. Das überzeugte ihn, und er trollte sich.

Das Publikum war insgesamt sehr jung. Als wir unser erstes Set spielten, ignorierte es uns total. Ich folgerte daraus, dass die zart aussehenden Teenies in Sachen Livemusik Härteres gewohnt waren. Sie brauchten wohl die volle Dröhnung. Also forderte ich Sebastian am Anfang des zweiten Sets auf, seinen Gitarrenverstärker aufzureißen. Das hatte ich vorher noch nie getan. Sonst bat ich ihn immer, leiser zu spielen! Er war irritiert und bezweifelte, ob das der richtige Weg war, um hier zu punkten. Aber als ich meine Lautstärkeregler nach oben schob, zog er mit und wir rockten volle Kanne ab. Das Wunder geschah: Nach einigen Stücken bekamen wir den ersten kurzen Applaus des Abends! Das gute Gefühl auf dem richtigen Weg zu sein, wurde in der zweiten Pause abrupt durch den Barmann beendet. Er forderte uns auf abzubauen und nach Hause zu fahren.

In meinen Augen waren wir damals das zweitbeste Duo in Norddeutschland. Somit war ein Abbruch Unser nicht würdig. Ich verlangte, Mikkel zu sprechen! Und war zu erregt, um den drohenden Unterton in seiner Antwort wahrzunehmen. „Wollt Ihr das wirklich?“ Natürlich wollte ich das! Das musste ausdiskutiert werden! Und so lernten wir Mikkel dann doch noch kennen, allerdings leider nicht gerade von seiner besten Seite. Beim Renovieren unterbrochen, stürmte er nach einiger Zeit mit finsterer Miene zur Tür herein und signalisierte ein unfreundliches „mitkommen!“.

Es ging in die Küche, wo er mit uns allein sein wollte. Mir war klar, was kommen würde. Er würde ohne Umschweife und mit drastischen Worten unsere musikalische Qualität in Abrede stellen. Das musste schon im Ansatz unterbunden werden. Angriff ist die beste Verteidigung! In wenigen Sekunden machte ich eine für mich völlig neue Erfahrung. Nämlich, dass gute Argumente nicht zwangsläufig den Ausgang einer Diskussion bedeuten. In der Küche angekommen, hielt ich sofort dem wütenden Mikkel, der ziemlich groß und breitschultrig war, am ausgestreckten Arm unsere live aufgenommene Demokassette direkt vors Gesicht. Dazu konstatierte ich laut und unmissverständlich: „DAS ist die Musik, mit der wir uns bei Dir beworben haben und DAS ist die Musik, die wir gespielt haben!“ So viel furchtlos vorgetragener Wahrheit war dieser Wikinger intellektuell nicht gewachsen. Entsprechend heftig fiel seine Reaktion aus: Er riss mir die Kassette aus der Hand und schleuderte sie quer durch den Raum in einen Mülleimer. Danach griff er sich Sebastians großes Cola-Glas und schüttete den Inhalt knapp an ihm vorbei in den Ausguss.

Ohne ein Wort hatte er uns eindrucksvoll klargemacht, dass wir schlechte Musiker waren. Es war einer dieser Momente, in dem man ohne das Beherrschen einer Kampfsportart besser den Mund hält. Und das taten wir. Mikkel befahl uns, abzubauen. Nett wie er war, sollten wir sogar die halbe Gage bekommen! Als freundliche Warnung fügte er noch an: „Ein Wort durchs Mikrophon, und Ihr fahrt ohne Eure Brillen nach Hause.“ Sebastian rief mir zu „ich hole den Bus“ und war verschwunden. Er ließ mich allein in der Höhle des Löwen! Ich zog den Galgen aus meinem Mikrophonstativ, um mich im Notfall damit verteidigen zu können.

Mikkel war nicht so dumm, wie er sich aufgeführt hatte. Wie bereits geschildert, hatten die Gäste zaghaft angefangen, unsere Musik zu mögen. Und so kamen jetzt natürlich Fragen, wieso wir denn schon abbauen würden. Hätten wir dem Publikum mitgeteilt, dass es die Entscheidung vom Chef war, den Auftritt zu beenden, hätte dieser als Spielverderber dagestanden. Also zuckte ich nur stumm mit den Schultern und tat so, als ob ich die Fragen nicht verstehen würde.

Als der dänische Polizist, der unsere Anzeige aufgenommen hatte, Mikkel anrief, um seine Version des Vorfalls zu erfragen, war dieser wieder die Freundlichkeit in Person. Genau, wie ich ihn auch zuvor am Telefon kennengelernt hatte. Es sei gar nichts vorgefallen. Wir hätten einfach nur schlechte Musik gemacht. Bis zum Grenzübergang hatte ich Angst, dass Mikkel sauer über unsere Anzeige war und Sebastians langsamen VW-Bus mit einer Horde Schlägern verfolgen würde.

Die Spannung fiel erst am nächsten Morgen von mir ab, als meine damals anderthalbjährige Tochter Valerie auf ein Bild von Henry Maske in der Zeitung tippte und „Papa!“ sagte. Ja, der wäre ich den Abend zuvor gerne gewesen.



1996: „Du avancierst jetzt zum Gitarristen.“
Eine nettere Episode ereignete sich in der bereits erwähnten Gaststätte in Finkenwerder: Nach einem gelungenen Auftritt folgte uns ein Gast mit zwei Zwanzigmarkscheinen in der Hand auf die Straße. Er verkündete: „Jungs, Ihr spielt noch ...!“ Und dann folgten drei Songtitel, die mir heute entfallen sind. Nicht aber Sebastians Reaktion. Er stand vorm Bully und war gerade dabei, als Allerletztes seine beiden Gitarren ganz oben auf das Equipment zu schieben. Er verharrte in der Bewegung, schaute zuerst auf das Geld, dann auf mich, dann auf die Gitarren, zog sie wieder hervor und drückte mir die Akustische mit der Bemerkung „du avancierst jetzt zum Gitarristen“ in die Hand. Dann gingen wir wieder rein und spielten neben den gewünschten drei Liedern noch über eine Stunde weiter. Wobei der Wirt noch seine Bassgitarre hervorholte, um das Chaos zu vervollständigen. Eigentlich hätte ich mir diesen Zwanzigmarkschein einrahmen müssen. Ohne wirklich Gitarre spielen zu können, hatte ich als Gitarrist Geld verdient!


1996: Joja Wendt – Frühstücksei & Boogie.
Wenn Sie von Joja Wendt tatsächlich noch nichts gehört haben, können Sie sich entweder schnell im Internet über ihn informieren oder mir glauben: Er ist der „Klavier-Gott“! Jedenfalls der deutsche. Ich hoffe, diese Information lässt Sie erahnen, wie ich mich als Sänger und normalsterblicher Klavierspieler in seiner Gegenwart fühle. „Unzulänglich an den Tasten“ wäre eine freundliche Untertreibung. Meine „Auseinandersetzung“ mit Joja Wendt ist schon eine längere. Sie wurde Ende der 90er Jahre lustigerweise durch einen Gitarristen ausgelöst. Und das kam so:

Bei einem Auftritt von „Strings ’N’ Keys“ im Chamberlain Pub in Lübeck spielte Sebastian mal wieder eins von seinen virtuosen Soli. Kann sein, dass es „Sultans Of Swing“ war. Daraufhin feuerte mich jemand aus dem Publikum an, es ihm gleich zu tun. Leider konnte ich das – damals wie heute – nicht. Denn mein Klavierspiel ist nicht solistisch orientiert, sondern darauf zu „grooven“ und meinen Gesang zu begleiten. Bei „Fancy Life“ Mitte der 80er Jahre war mein Spiel noch erstaunlich filigran. Aber spätestens bei „Mask 4 Fun“ war das Klavier sowieso nicht mehr zu hören. Ich hämmerte nur noch Akkorde in die Tasten. Siehe: „Baby“. Ich war immer froh, bei jedem anstehenden Solo nur Sebastian zunicken zu müssen, der diese Aufgabe gerne und immer mit Bravour erfüllte. Ich brauchte also nie den „Tastenhengst“ zu geben!

Die Situation war jetzt aber eine andere. Erstens waren wir nur noch zu zweit und man konnte das Klavier wieder hören. Und zweitens machte uns unser Name, „Strings ’N’ Keys“, also „Saiten & Tasten“, „Sebastian & Klaus“, zu selbsternannten Repräsentanten unserer Instrumentengattung. Der Gast, der mich zu einem tollen Solo anfeuern wollte, hatte also in gewisser Weise ein „Anrecht“ darauf, auch auf den Tasten etwas vorgezaubert zu bekommen. Da ich keine Idee hatte, wie man ein aufregendes Klaviersolo spielt, wollte ich mir in der „Szene“ von Kollegen dafür Anregungen holen. Und so stieß ich auf meiner Suche sehr schnell auf den Hamburger Shootingstar Joja Wendt.

Das erste Mal hörte ich ihn im Duo mit Abi Wallenstein. Abi ist ein wunderbarer Mensch und Musiker. Er wird liebevoll „der Vater der Hamburger Blues-Szene“ genannt. Er ist genau wie ich in erster Linie Sänger und als Instrumentalist an der Gitarre auch eher der groovende Begleiter, als der brillante Solist. So einer wie Joja, weswegen sie zusammen einfach unglaublich waren! Gesang ist für mich das Wichtigste in der Musik und Abi sang sich schier die Seele aus dem Leib. Joja unterlegte das Ganze mit einer so druckvollen Boogie-Begleitung und filigranen Soli, wie ich es noch nie gehört hatte. Das war nicht von dieser Welt. Ich war mehr als nur schwer beeindruckt! Dagegen waren wir, „Strings ’N’ Keys“, höchstens „nett“.

Bei Abi und Joja waren die Rollen vertauscht: Der Gitarrist war der Sänger und der Pianist der Solist. Und was für einer! In der Folgezeit verbrachte ich etliche Stunden in meinem Studio in Wakendorf und versuchte, auch „auf dem Klavier zu zaubern“. Lange war es wie ein Fluch: Ich öffnete den Klavierdeckel – und dachte an Joja Wendt! Natürlich ist mein Spiel durch das viele Üben besser geworden. Aber irgendwann habe ich eingesehen, dass kein Musiker aus seiner „Grundprägung“ heraus kann. Ich werde immer der klavierspielende Sänger bleiben. Auf mein Verhältnis zum Klavier gehe ich am Anfang des dritten Teils ein.

Zum Glück hat Joja damals von meiner Obsession nichts gewusst. Es darf ihm heute eine Ehre sein zu erfahren, dass er seinen Platz als Fixstern für meine musikalische Orientierung erst fünf Jahre später (2001) an Billy Joel verlor, der dann wiederum fünf Jahre später (2006) für Elvis Platz machen musste. An den Sternen kann man sich orientieren, aber man wird sie nie erreichen.

Es gab auch ein paar lustige Begebenheiten mit dem Privatmann Joja Wendt. Nach dem Konzert mit Abi Wallenstein musste ich ihn unbedingt einmal sprechen. Seine Nummer stand damals noch im Telefonbuch, und so bat ich auf seinem Anrufbeantworter um Rückruf. Ein Anliegen nannte ich nicht. Trotzdem rief Joja mich nachmittags um 14 Uhr zurück. Meine Ex-Frau behauptet, ich hätte einige Marotten. In Wahrheit habe ich nur eine Einzige: Wenn ich ein weichgekochtes Ei esse, darf das nicht kalt werden. Das heißt, dabei darf mich niemand stören. Nicht einmal Joja Wendt. Und natürlich kam sein Anruf präzise zwischen dem ersten und zweiten Löffel Ei. Also erklärte ich ihm kurz, ich würde gerade ein Ei essen und riefe ihn gleich zurück. In seinem „okay!“ schwang etwas Fragendes mit, was ich ihm nicht verübeln kann: Heute ist mir diese Geschichte etwas peinlich. Das Einzige, woran ich mich neben dem Ei noch erinnere, ist meine allererste Frage an ihn: „Wie lange spielst du schon mit Abi zusammen?“ Dass es zehn Jahre waren, beruhigte mich. Dann bestand vielleicht auch noch Hoffnung für „Strings ’N’ Keys“?

Mein erstes Zusammentreffen mit ihm war nicht weniger seltsam: Am 8.8.1996, acht Jahre nach dem 8.8.1988 (das Klavier hat 88 Tasten!), fand in der Hamburger „Fabrik“ wieder eine Boogie-Woogie-Nacht statt. Da es sehr viele Boogie-Woogie-Pianisten gibt, die gerne in immer neuen Formationen endlos miteinander improvisieren, zog sich das Konzert in die Länge. Um Mitternacht verabschiedete sich mein Freund Rolf, mit dem ich den Nachmittag bei Axel Zwingenberger verbrachte hatte, der natürlich auch mit von der Partie war. Um zwei Uhr morgens konnte meine Ex-Frau nicht mehr. Ich ließ sie alleine mit unserem Polo zurück nach Lübeck fahren. Ich musste einfach bis zum letzten Ton bleiben.

Der Boogie hatte mich fest im Griff.

Im Morgengrauen hatten die Pianisten die Fabrik endlich leer gespielt, und es stand nur noch eine Handvoll Zuhörer verloren in der Gegend herum. Erst da fiel mir auf, dass ich gar kein Geld für eine Zugfahrt nach Lübeck dabei hatte! Der Einzige, den ich „kannte“, war Joja. Ob ich mich als „der mit dem weichgekochten Ei“ vorgestellt habe, bezweifle ich. Joja ist ein guter Mensch. Und so lieh er mir, einem Unbekannten, ohne zu zögern 10 Mark. Selbstverständlich habe ich ihm das Geld zu Hause sofort zurücküberwiesen.



1997: Dritte akustische Bilanz: CD „The Best Of Yesterday“.
Zu der Veröffentlichung meiner besten Songs von 1985 bis 1992 auf CD kam es wie folgt: Die „Mask 4 Fun“ Musik hatten wir auf Kassetten und Tonbändern aufgenommen und auch auf Kassetten verbreitet. Darum verschwanden unsere Lieder hinter einem für heutige Maßstäbe unerträglichen Grundrauschen, das sich mit dem Alterungsprozess noch verstärkte. Als die verlustlose Digitaltechnik Ende der 80er Jahre Einzug in den Konsumerbereich hielt, habe ich mir darum von Sebastian einen DAT-Rekorder geliehen, um alle Master-Bänder vor dem weiteren Verfall digital zu sichern. 1997, im Zuge von irgendwelchen Aufnahmen, hatte ich dann erstmals wieder einen DAT-Rekorder zur Hand und damit die Möglichkeit, die alten Originalaufnahmen in bester Qualität zu hören.

Anders, als von den Verkaufskassetten gewohnt, war die Tonqualität ziemlich gut! Nach ein paar Jahren der „Abstinenz“ packte mich die Vergangenheit mit voller Wucht. Mir stiegen bei „Baby“ Tränen in die Augen. Die Musik war einfach zu gut, um sie im Archivregal verstauben zu lassen! Alle Welt sollte in den Genuss kommen, meinen Teil unseres musikalischen Erbes in dieser Qualität zu genießen! Also nahm ich die Veröffentlichung einer „Best Of“-CD in Angriff, deren Titel „The Best Of Yesterday“ Sebastians Fazit von „Mask 4 Fun“ aufnahm.

Nachdem ich die Songauswahl getroffen hatte, musste der Kompilation eine „amtliche“ Grafik verpasst werden. Ich geriet dabei an Rainer, der irgendwo in der Nähe von Kiel alleine mitten im Wald hauste. Auf seinem Anrufbeantworter meldete er sich mit: „Hallo lieber Anrufer! Hier ist die Stimme der Vernunft aus Altmühlen.“ Dass Rainer sich sicher war, in Sachen Intelligenz dem Rest der Menschheit voraus zu sein, hatte eigentlich nur zwei Gründe: Erstens Kaffee, genauer gesagt den Verzicht darauf. Und zweitens der gemeinsamen Ansicht mit Erich von Däniken, dass wir alle von prähistorischen Raumfahrern abstammen. Eine konventionelle Religion wie das Christentum fand Rainer albern.

Ich bin ein toleranter Mensch und habe Rainers Begeisterung für die antike Raumfahrt klaglos über mich ergehen lassen. Was allerdings nervte, waren die langen Nächte ohne Kaffee, in denen wir am Booklet des Samplers feilten. Als ich zur Stärkung nach einem fragte, blieb Rainer konsequent: „Ich bin doch hier kein Drogenzentrum!“ Abgesehen davon war Rainer ein feiner Kerl. Auch war er ein Naturbursche. Also drapierte er mich fürs Cover-Foto nicht vor einem Klavier, sondern auf einem Baumstumpf. Er wusste, dass das warme Licht der untergehenden Sonne am besten dafür geeignet ist, Fotos mit schönen Farben zu schießen. Und schön sollte ich ja aussehen! Also musste ich von meinem Baumstumpf aus gequält in die Abendsonne blinzeln. Dass er dann später in der Bildbearbeitung Stunden dafür brauchte, um meine zugekniffenen Augen wieder halbwegs zu weiten, musste auch ihm die Augen dafür geöffnet haben, dass das nicht optimal arrangiert war.

Beim Presswerk verbrachte ich einen ganzen Tag im Masteringstudio, um die Tonqualität der Aufnahmen so gut es ging aufzupolieren. Die hierfür berechneten 1.000 Mark empfand ich als zu hoch, da der „Toningenieur“ (keine Ahnung, welche Ausbildung er genossen hatte) an zwei Stellen mit seinem Latein am Ende war und ich als Kunde die Problemlösung selber beisteuern musste! So gab es bei einer Klavierballade ein lautes Knacken, das er partout nicht weg bekam. Da der Song sehr langsam und ziemlich frei im Tempo war, schlug ich vor, das Geräusch einfach wie einen Leberfleck herauszuschneiden. BINGO! Bei „God’s World“ fiel über die Studiomonitore auf, dass eine Leersaite von Martins Bass lauter war als die anderen. Wie gut, dass ich in den letzten Jahren vier Toningenieuren Löcher in den Bauch gefragt hatte, um mich fortzubilden. Natürlich war es ein Leichtes, die betreffende Frequenz schmalbandig abzusenken.

Leider zahlte sich dieser teure Tag, die Nächte ohne Kaffee und auch die Pressung von 300 CDs nicht aus. Denn anders, als erhofft, hatte „die Welt da draußen“ leider nicht auf ein liebevoll gestaltetes Resümee meiner Tätigkeit als Songschreiber gewartet. Also verschenkte ich ein paar Exemplare und schob zwei der drei Kisten unausgepackt unters Bett. Irgendwie gelang es mir dann nach und nach, das Loch, das die Produktionskosten in unsere Haushaltskasse gerissen hatten, wieder zu stopfen.

Ein paar Jahre später hätte sich fast die Gelegenheit ergeben, zumindest ein paar weitere Exemplare loszuwerden. Irgendjemand wollte eine Messe für „erfolglose Musiker“ veranstalten. Ich meldete mich sofort an! Die Medien fanden das Motto auch lustig und berichteten darüber. Aufgrund von fehlenden Anmeldungen fand sie leider dann doch nicht statt. Wahrscheinlich hatte ich mich als Einziger angemeldet. Anders als die Heerscharen meiner Kollegen, die „anonymen Musiker“, hatte ich kein Problem damit, meinen bis dato noch nicht erfolgten Erfolg öffentlich einzugestehen. Neben meinem Humor machte es mir auch die Tatsache leichter, nicht auf ganzer Linie gescheitert zu sein. Als „Piano Man“ machte ich zu der Zeit ja ein bisschen Karriere!

Auf der Messe hätte es einen „Zwangsumtausch“ der musikalischen Ladenhüter gegeben. Wie damals beim „kleinen Grenzverkehr“ in die DDR. Die erfolglosen Musiker wären verpflichtet gewesen, untereinander ihre Tonträger zu tauschen. Geteiltes Leid ist halbes Leid! Es ist ja egal, welche Musik man unterm Bett hortet. Zusätzlich sollte das Event noch etwas „Speakers’ Corner“-Flair bekommen. Es war geplant, dass wir nacheinander auf unsere Verkaufstische steigen, um allen Anwesenden lautstark zu verkünden, warum sie genau UNSEREN TONTRÄGER unbedingt besitzen mussten! Es wäre also mit Sicherheit ein lustiger Tag geworden! Und durch die mediale Beachtung hätten wir Erfolglosen dann paradoxerweise doch noch ein bisschen Erfolg gehabt. Man hätte dann am Abend bei Bier und Wein auch eine Selbsthilfegruppe gründen können! Die der „unerhörten Musiker“...



1997: Der singende Orchesterwart – Faktotum an der Musikhochschule.
„Faktotum (von lateinisch fac totum‚ tu alles!) ist ein im 16. Jahrhundert aufgekommenes Fremdwort zur Bezeichnung einer Person, die in einem Haushalt, Betrieb oder einer sonstigen Organisation (z. B. Kloster, Schule) eine Vielzahl von Aufgaben wahrnimmt. Eine solche Person wird auch „Mädchen für alles“ genannt.“ Quelle: Wikipedia.
Im Dezember 1996 musste ich mir eingestehen, dass meine Gagen nach zwei Jahren als „Piano Man“ noch nicht ausreichten, um unsere Ausgaben als Familie zu decken. Ein Nebenjob musste her. Aber noch bevor ich in dieser Sache aktiv wurde, geschah ein echtes kleines Wunder: Carsten Burkinski, der als Orchesterwart an der Musikhochschule Lübeck arbeitete, rief mich an. Er meinte, ich hätte ihn vor einiger Zeit nach einem Job gefragt. Das war seltsam. Denn erstens kannte ich „Burki“, wie er zärtlich genannt wird, bis zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht. Und zweitens hatte ich noch niemandem mitgeteilt, dass ich auf der Suche nach einer Nebentätigkeit war. Das musste wohl der Heilige Geist für mich erledigt haben.

An deutschen Musikhochschulen wird so gut wie ausschließlich klassische Musik vermittelt. Und von der hatten sich meine Wege schon vor langer Zeit getrennt. Also gab ich „Burki“ zu bedenken, dass das nicht meine „Szene“ wäre. Dass die eigene Musikausübung bei einem Orchesterwart keine Rolle spielte, brachte mein zukünftiger Kollege mit einem legendären Satz auf den Punkt. Er sagte: „Du musst da in keiner Szene sein!“ Also saß ich kurz darauf in seinem kleinen Büro. Er kochte mir einen Tee und klärte mich dabei über die Aufgaben eines Orchesterwartes auf.

Ich fand die Aussicht auf ein eigenes Büro und die Freiheit, sich bei der Arbeit jederzeit einen Tee kochen zu können, überwältigend. Ebenso, dass mir ohne eine Berufsausbildung eine Stelle im öffentlichen Dienst in Aussicht gestellt wurde. Vor meiner Zeit als „Piano Man“ hatte ich unter anderem als Wachmann gejobbt. Da musste ich nachts auf Fabrikgeländen und Baustellen Streife laufen. Das hier war ein ganz anderer Schnack! Das hatte Stil! Und es hatte mit Musik zu tun. Genug Zeit für das Booking von „Strings ’N’ Keys“ sollte mir auch bleiben, da Carsten seine Stelle mit mir teilen wollte. Ich vermute, es lag an „Burkis“ Körperfülle, dass die Musikprofessoren aus dieser Teilung einen Spitznamen für mich ableiteten. Ich, der Neue, war für sie von meiner Arbeitszeit und meiner Statur her „der halbe Burki“.

Lustigerweise war ich neun Jahre zuvor bereits einmal auf dem Gelände der Musikhochschule tätig. Und zwar 1988, als sie erbaut wurde. Ich plante damals, Architektur zu studieren und musste dafür vorab unter anderem ein vierwöchiges Praktikum als Maurer absolvieren. So habe ich am Großen Saal mitgebaut! Als einer meiner Maurerkollegen herausfand, dass meine Eltern Frauenärzte sind, unterbreitete er diese ungeheuerliche Nachricht sofort unserem Polier. Aber der ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er entgegnete, dass selbst, wenn mein Vater Bundeskanzler wäre, ich deswegen trotzdem nicht so viel Mörtel auf die Kelle nehmen dürfte. Als wir die Eingangstreppe fertiggestellt hatten, verließ ich kurz die Frühstückspause, um heimlich ein Exemplar unserer Kassette „Lots Of Fun“ im frischen Beton zu versenken. Natürlich fest in Folie eingewickelt, damit man sie, sollte man sie eines Tages finden, noch abspielen kann.

Mein Vorstellungsgespräch für die Stelle als Orchesterwart leitete der Kanzler, der Verwaltungschef der Musikhochschule, mit ein bisschen Smalltalk ein. Er meinte, dass ihm der Name Porath irgendwie geläufig wäre. Ich erwiderte, dass meine Eltern eine Frauenarztpraxis in Lübeck-Moisling betrieben hatten, er aber vermutlich nie dort gewesen sei. Hinter seinem Rücken reckte „Burki“ beide Daumen in die Höhe. Das sollte ausdrücken: Aufnahmeprüfung bestanden! Als Orchesterwart musste man hauptsächlich lässig sein. Und das hatte ich mit dieser flapsigen Bemerkung bewiesen.

Ein paar „Muckis“ waren aber auch nicht schlecht. Mein allererster Arbeitstag begann damit, auf der Bühne im großen Saal für das ca. 40-köpfige Hochschulorchester Stühle und Notenpulte aufzubauen. Die waren im Keller eingelagert. Leider war der Fahrstuhl defekt. Auch, wenn ich nur ein „halber Burki“ war, wuchtete ich die Stuhlstapel auf einer Sackkarre Stufe für Stufe nach oben. Der „ganze Burki“, der mich einarbeitete, war von diesem Kraftakt und meinem Elan beeindruckt. Ich musste mich erst noch daran gewöhnen, dass man es im öffentlichen Dienst zumeist etwas ruhiger angeht, als als Selbstständiger.

Wenn das Hochschulorchester uns nicht brauchte, verlief der Vormittag generell langweilig. Wir liehen Instrumente an die Studenten aus, übertrugen Bogenführungen in Streichernoten, trugen von dicken Pianisten-Hintern kaputtgesessene Klavierhocker in die Werkstatt und tauschten im ganzen Gebäude defekte Glühbirnen aus. Abends war es spannender, da betreuten wir die Konzerte der Studenten. Dabei agierten wir so, als wären sie Weltstars, d.h. wir nahmen ihnen jede Arbeit ab. Sie mussten nur ihr Konzert spielen. Wir richteten auf der Bühne alles für sie her und holten sie erst dann aus ihren Übezellen ab, in denen sie sich meist hektisch bis zur letzten Sekunde eingespielt hatten. Dann geleiteten wir sie zur Bühne, wo der Applaus des Publikums sie bereits empfing. Sebastian bemerkte dazu, dass wenn er mit zwei Gitarren und etlichen Stativen beladen in eine Kneipe ginge, ihm niemand die Tür aufhalten würde. Ich wusste, dass unser „Künstlerservice“ übertrieben war. Aber er machte auch Spaß. Ich habe es meinen „klassischen“ Kollegen gegönnt, in ihrer Studienzeit einmal pro Semester den Traum vom großen Künstler leben zu können. Denn in ihrem späteren Berufsalltag würden die wenigsten von ihnen Konzerte geben, sondern sich mit faulen Musikschülern, wie ich früher einer war, herumschlagen.

Mein Vorstellungsgespräch war gar nicht so oberflächlich gewesen. Denn wenn im großen Saal Konzerte mit großen Besetzungen stattfanden, musste man als Orchesterwart tatsächlich vor allem die Nerven bewahren. Wenn zum Beispiel ein 20-köpfiges Bläserensemble von der Bühne ging und als nächstes eine Kammermusikbesetzung mit einem „Flügel“ und vier Streichern auf dem Programm stand, enterte ich die Bühne, sobald die Musiker sie unter Applaus verließen. Der erstarb dann, und Hunderte von Augenpaaren verfolgten gebannt, wie ich 20 Stühle und 20 Notenpulte an die Seite stellte. Dafür musste ich 20 Mal hin und her laufen, in der einen Hand einen Stuhl, in der anderen ein Notenpult! Dann musste ich den 2,40 m langen Konzertflügel nach vorne rollen, seine Räder fixieren, ihn aufklappen und vier Stühle mit vier Notenpulten in der genau richtigen Anordnung für die Streicher aufbauen.

Das wären wunderbare Momente für kleine Slapstick-Einlagen à la Charlie Chaplin gewesen. Die verkniff ich mir aber erstaunlicherweise. Am Tag nach einem solchen Konzert begrüßte mich der Kanzler einmal mit der launigen Bemerkung: „Herr Porath, ich habe Sie auf der Bühne gesehen!“ Ich erwiderte ziemlich lässig: „Wissen Sie, wenn der Applaus ertönt, dann kann ich einfach nicht anders, dann zieht es mich raus!“

Soziologisch betrachtet ist der Orchesterwart genauso wie beispielsweise eine Putzfrau eine „Nichtperson“. Das heißt, niemand begrüßt oder verabschiedet ihn, wenn er den Raum betritt oder verlässt. Als mir „Burki“ am Anfang die Professoren vorstellte, beging ich den großen „Fauxpas“, dem Ersten von ihnen quasi unter Musikerkollegen die Hand zu geben. Er war sichtlich irritiert. Jahre später las ich im „Knigge“, dass stets die höhergestellte Person ihrem Gegenüber die Hand reicht. So hat sich das gesellschaftlich eingebürgert. Kollegen waren wir dann doch nicht. Einige an der Musikhochschule wussten, dass ich irgendwie auch Musik machte. Aber da ich zu dem Zeitpunkt noch keine Homepage hatte, konnte man das nicht einordnen. Als meine CD „The Best Of Yesterday“ aus dem Presswerk kam, fragte mich die Hochschulbücherei, ob ich bereit wäre, ihr ein Belegexemplar zur Verfügung zu stellen. Ein bisschen neugierig war man schon, was ich da so musikalisch fabrizierte. Natürlich hatte ich schnell ein Exemplar parat. An die Kassette im Beton der Treppe war ja schlecht heranzukommen. Ich schrieb eine interne Mail an alle Hochschulmitarbeiter, die Verwaltung und die Professoren, dass sie sich jetzt meine Musik anhören konnten. Man würde sie wahrscheinlich unter „P“ wie „Porath“ oder „Pop“ einsortieren. Oder unter „S-O“ wie „Singender Orchesterwart“. Ich bin mir sicher, dass mich spätestens ab diesem Tag an dieser Hochburg der Kultur keiner mehr ernst nahm.

„Burki“ und ich teilten uns unsere Dienste selber ein. Das hatte den großen Vorteil, dass wenn uns ein Fehler unterlief, wir ihn immer auf den anderen schieben konnten! So hatte er es einmal versäumt, vor einer CD-Produktion einen Klavierstimmer zu engagieren. Musikprofessoren aus Berlin und Hannover hatten sich mit Lübecker Kollegen verabredet, um Aufnahmen im Großen Saal zu machen. Als ich den „Flügel“ aus der Versenkung hochfuhr, war er völlig verstimmt! Die Damen und Herren Musiker gingen dann in die Mensa Kaffee trinken und ich in Windeseile die Liste unserer Klavierstimmer abtelefonieren.

Wir hatten Gleitzeit, und ich kam immer als Letzter zum Dienst. Meistens war ich trotzdem noch völlig verschlafen. Eines Morgens drückte mir der Hausmeister einen Zettel in die Hand, auf dem stand: „Beim „Flügel“ im Raum Nummer Sowieso klemmt das tiefe S.“ Ich war total irritiert. Es dauerte eine Weile, bis mir klar wurde, dass natürlich „Es“ gemeint war! Und dann war ich schon ein bisschen stolz, dass es mir schnell und unauffällig gelang, das Problem zu beheben. Ich legte die Mechanik frei und fischte einen Bleistift aus dem Instrument, der die Taste blockiert hatte. Währenddessen fand dort gerade eine mündliche Prüfung in Musiktheorie statt! Wie beschrieben, war ich eigentlich gar nicht anwesend.

Die Lebensferne und Humorlosigkeit einiger klassischer Musiker finde ich bemerkenswert. Einmal bekamen wir einen Anruf von einem Schlagzeugstudenten, weil im Großen Saal eine Pauke für ein Konzert gebraucht wurde. Wir schlugen ihm vor, die Pauke aus dem Schlagzeugkeller einfach dort hinzutragen! Die Antwort lautete, dass das nicht ginge. Weil man sich durch den Transport völlig verausgaben würde und anschließend nicht mehr in der Lage sei, zu spielen. Pauke (!), wohlgemerkt... Also schleppten „Burki“ und ich das sperrige Instrument für die Herren Künstler durch das Gebäude. Für „Tonmas“, wie sich Thomas, der Tonmeister der Musikhochschule selber nannte, trug ich auch oft Equipment durchs Gebäude. Seltsamerweise legte er stets großen Wert darauf, dass ich meine Hilfe für ihn nicht als „Schleppen“, sondern als „Tragen“ bezeichnete. Vielleicht, weil er sonst den Eindruck hatte, er würde sich einen Lakaien halten? Auf meine Frage, worin der Unterschied zwischen „Schleppen“ und „Tragen“ läge, meinte er: „Im Gesichtsausdruck“. Ende der 80er Jahre hatte ich verschiedenen Toningenieuren „Löcher in den Bauch gefragt“, um mich auf ihrem Gebiet fortzubilden. Bei „Tonmas“ konnte ich mein Wissen durch Einblicke in die Aufnahme von klassischer Musik vervollkommnen.

Einmal übte ein besonders eifriger Kontrabassist Stunden vor einer Opernaufführung im Orchestergraben seinen Part. Leider musste zu dem Zeitpunkt der Kunstrasen auf der Opernbühne noch mit dem Staubsauger abgefahren werden, was ich skrupellos tat. Dienst ist Dienst. Der vom Lärm genervte Bassist schaute grimmig zu mir hoch. Ich stellte den Staubsauger aus und erklärte ihm, dass die ganzen falschen Noten von der gestrigen Aufführung aus dem Orchestergraben hier hochgeweht seien und ich diese jetzt wegsaugen müsste. Für diese humorvoll gemeinte Bemerkung kassierte ich kein Lächeln, sondern einen eiskalt verachtenden Blick. Und das von einem Anfang 20-Jährigen. Ich hatte wieder die klaren Regeln des Kastenwesens verletzt. Er war „Künstler“ und ich nur „Mädchen für alles“. Mit genau derselben Motivation habe ich übrigens später meine „Briefe ans Finanzamt“ verfasst, die im dritten Teil abgedruckt sind. Aus irgendeinem Grunde juckt es mich total, Späßchen mit Leuten zu treiben, von denen ich annehme, dass sie völlig humorlos sind, mich für bekloppt halten und einfach nur tierisch genervt sind.

Wie bei meinem Abstecher ins Musikteam der Hamburger Freikirche war mir auch hier klar, dass ich nicht lange Orchesterwart bleiben würde. Es ging ja auch nur darum, eine finanzielle Durststrecke zu überwinden. Die gesammelten neuen Erfahrungen waren ein angenehmer Nebeneffekt. Ich kenne einen virtuosen Gitarristen, den die Vorstellung belastet, dass er einzig und allein nur gut Gitarre spielen kann und ansonsten für nichts anderes, wie z.B. einen Nagel in die Wand zu hauen, zu gebrauchen ist. Dieses Problem kenne ich nicht. Ich habe durch meine Bundeswehrzeit, die konträren Studiengänge Architektur und Lehramt, diverse Praktika, Jobs und die Auftritte als „Piano Man“ in viele verschiedene Lebensbereiche reingeschnuppert. Ich kann mir darum ein ganz gutes Bild vom „normalen Leben“ machen und überall ein bisschen mitreden.

Aber zurück zu meinem „Absprung“ von der Musikhochschule. Als Musiker möchte man natürlich selber spielen und nicht die Konzerte anderer betreuen. Für die Studenten waren sie ein Semester-Highlight. Sie ließen sich hinterher gerne und lange von ihren Kommilitonen feiern. Ich fand es zusehends nerviger, spätabends darauf zu warten, bis mit diesem unsäglichen „Auf-die-Schulter-Geklopfe“ endlich mal Schluss war, ich das Licht ausmachen, den Laden abschließen und nach Hause gehen konnte. Ich wollte bereits nach einem Jahr die Leiden des jungen Orchesterwärters beenden. Aber man mochte mich an der Musikhochschule und legte mir nahe, länger zu bleiben. Das tat ich auch, aber nur drei Monate. Denn dann durfte ich das Weihnachtsgeld behalten...



Fortsetzung nächsten Mittwoch oder H I E R (anklicken).



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